Today is September, 6748 1993, the september that never ends

Ray Banana is Uwe Premer



When logic and proportion
Have fallen sloppy dead,
And the White Knight is talking backwards
And the Red Queen's off with her head
Remember what the dormouse said,
Feed your head.

Jefferson Airplane - White Rabbit


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Eine verrückte Teegesellschaft

Vor dem Hause stand ein Baum und darunter ein Tisch, an dem
der Märzfrank mit dem Heinztönnes Tee trank. Eine schlafend
zwischen ihnen liegende Kindergärtnärrin benutzten sie als
Ellenbogenstütze, während sie sich über ihren Kopf hinweg
unterhielten. "Reichlich unbequem für die Kindergärtnärrin!" sagte sich
Alice. "Aber sie schläft ja, deshalb wird es ihr wohl nichts
ausmachen."

Der Tisch war lang und voll von Gedecken, trotzdem hockten die
drei enggedrängt an einer Ecke. "Kein Platz mehr!" riefen sie
Alice entgegen.

"Gar nicht wahr, hier ist noch reichlich Platz!" erwiderte Alice
entrüstet und setzte sich am anderen Tischende in einen hohen
Lehnstuhl.

"Meine Güte, ist es den wirklich so schwer, die Schuhe auszuziehen, wenn
ich in einem respektvollen Haus komme." Der Heinztönnes rümpfte
angewidert die Nase.

"Nimm dir etwas Wein!" sagte der Märzfrank einladend. Alice
spähte über den Tisch, konnte aber nur Tee entdecken. "Ich sehe
keinen Wein!" sagte sie.

"Ist auch keiner da!" antwortete der Märzfrank.

"Dann ist es unhöflich von dir, mir welchen anzubieten!"
versetzte Alice ärgerlich.

"Es ist auch unhöflich von dir, dich uneingeladen an unseren
Tisch zu setzen", sagte der Märzfrank.

"Ich wußte nicht, daß es euer Tisch ist", rechtfertigte sich Alice.
"Er ist für viel mehr Leute gedeckt."

"Lese es dir nochmal in Ruhe durch, gaaaaanz langsam.
Dann, müsstest du dir am Kopf fassen und einmal mehr: "Ich Idiot brüllen",
sagte der Heinztönnes, der Alice bisher nur neugierig angestarrt hatte.

"Laß die taktlosen Bemerkungen!" wies Alice ihn zurecht. "Das
tut man nicht."

Der Heinztönnes riß verblüfft die Augen auf, sagte aber nur:
"Comment for understood? Not for all?"

Na, jetzt wird's lustig! dachte Alice. Die raten Rätsel, und das
macht Spaß. "Ich glaub', das krieg' ich 'raus", sagte sie.

"Willst du damit sagen, daß du eine Antwort darauf finden
kannst?" fragte der Märzfrank.

"Genau!" antwortete Alice.

"Dann solltest du sagen, was du meinst", bemerkte der Märzfrank.
"Natürlich", antwortete Alice hastig. "Wenigstens ... wenigstens
mein' ich, was ich sage. Das ist dasselbe, weißt du." "Das ist
durchaus nicht dasselbe", widersprach der Heinztönnes.

"Du könntest dann ebensogut sagen: ,Ich sehe, was ich esse!' sei
dasselbe wie: ,Ich esse, was ich sehe.'"

"Du könntest schließlich ebensogut sagen: ,Mir gefällt, was ich
kriege!', sei dasselbe wie: ,Ich kriege, was mir gefällt!'" fuhr der
Märzfrank fort.

"Du könntest ebensogut sagen: ,Ich atme, wenn ich, schlafe!' sei
dasselbe wie: ,Ich schlafe, wenn ich atme!'" ergänzte die
Kindergärtnärrin, die offenbar im Schlaf reden konnte.

"Und mit dir ist es auch dasselbe!" schloß der Heinztönnes. Damit
brach die Unterhaltung ab, während sich Alice vergeblich über
Raben und Schreibpulte den Kopf zerbrach.

Schließlich zog der Heinztönnes eine Uhr aus der Tasche,
betrachtete sie besorgt, schüttelte sie und hielt sie sich ans Ohr.
"Welches Datum haben wir eigentlich heute?" fragte er Alice.
"Den vierten", antwortete Alice nach kurzer Überlegung.

"Dann geht sie zwei Tage nach", stellte der Heinztönnes seufzend
fest und sah den Märzfrank ärgerlich an. "Ich hab' dir doch
gesagt, daß Butter für Uhrwerke ungeeignet ist."

"Es war beste Tafelbutter!" verteidigte sich der Märzfrank
geknickt.

"Ja, aber es müssen ein paar Brotkrumen 'reingeraten sein",
grollte der Heinztönnes. "Du solltest das Brotmesser nicht immer
zum Aufschmieren der Butter nehmen."

"Ich brauche meine Fehler, um zu wissen, wer ich bin. Entledige ich
mich ihnen, entledige ich mich selbst." murmelte
der Märzfrank, griff nach der Uhr und betrachtete sie trübselig.
Dann tunkte er sie in seine Teetasse und betrachtete sie wieder.
Aber ihm fiel nichts Besseres ein, als seine Feststellung zu
wiederholen: "Es war ganz bestimmt beste Tafelbutter."

Alice guckte ihm neugierig über die Schulter.

"Was für eine putzige Uhr! Die zeigt ja die Tage an und nicht die
Stunden!"

"Warum sollte sie auch!" brummte der Heinztönnes. "Zeigt deine
Uhr etwa die Jahre an?"

"Natürlich nicht", antwortete Alice lebhaft, "denn es bleibt so
lange Zeit immer ein und dasselbe Jahr."

"Das verhält sich mit meiner Uhr ganz genauso", sagte der
Heinztönnes.

Alice starrte ihn verblüfft an. Sie begriff den Sinn seiner Worte
nicht, obgleich sie vernünftig klangen. "Ich versteh' dich nicht!"
gestand sie so höflich, wie sie konnte.

"Die Kindergärtnärrin schläft schon wieder!"
verkündete der Heinztönnes
und goß ihr heißen Tee über die Nase.

Abwehrend schüttelte die Kindergärtnärrin den Kopf und sagte mit
geschlossenen Augen: "Selbstverständlich! Das hab' ich auch
gerade festgestellt."

Der Heinztönnes wandte sich wieder Alice zu. "Hast du das Rätsel
inzwischen 'rausgekriegt?"

"Nein, ich geb's auf", antwortete Alice. "Wie lautet die Lösung?" -
"Weiß ich nicht", sagte der Heinztönnes.

"Ich auch nicht", sagte der Märzfrank.

Alice seufzte. "Ihr solltet die Zeit wahrhaftig besser nützen und
sie nicht mit Rätselraten vergeuden, wobei es keine Lösung gibt."

"Wenn du Frau Zeit so gut kennen würdest wie ich, würdest du
nicht von Vergeudung reden", tadelte der Heinztönnes. "Sie ist
nämlich eine mächtige Zauberin."

"Ich weiß nicht, von wem du redest", sagte Alice.

"Natürlich weißt du das nicht." Der Heinztönnes warf verächtlich
den Kopf zurück. "Ich wage sogar zu behaupten, daß du noch
niemals mit Frau Zeit gesprochen hast."

"Wohl noch nicht", pflichtete ihm Alice unsicher bei. "Aber im
Musikunterricht hab' ich mit ihr zu tun, da muß ich den Takt
schlagen, um die Zeit richtig einzuhalten."

"Aha, daran liegt es!" stellte der Heinztönnes fest. "Frau Zeit hat
nämlich was dagegen, geschlagen oder gehalten zu werden. Aber
wenn du dich mit ihr gut verstehst, macht sie mit der Uhr fast
alles, was du willst. Nehmen wir zum Beispiel an, es ist neun Uhr
morgens und Schulbeginn; dann brauchst du Frau Zeit nur eine
entsprechende Bitte zuzuwispern - husch! - läßt sie den Zeiger
herumwirbeln, und schon ist es halb zwei, Schulschluß und Zeit
zum Mittagessen."

"Das wär' mein schönster Wunsch!" wisperte der Märzfrank
seinerseits.

"Ja, das wäre natürlich großartig", meinte Alice nachdenklich,
"aber dann ... dann hätte ich ja noch keinen Hunger."

"Zuerst vielleicht noch nicht", gab der Heinztönnes zu. "Aber du
könntest es so lange halb zwei bleiben lassen, wie du willst."

"Machst du das auch so!" erkundigte sich Alice.

Der Heinztönnes schüttelte betrübt den Kopf.

"Leider nicht. Im letzten März hab' ich mich mit Frau Zeit
überworfen, kurz bevor der da verrückt wurde." Er zeigte mit dem
Teelöffel auf den Märzfrank. "Es passierte bei dem großen
Konzert der Königin, und ich hatte zu singen:

Tanze, tanze, *Toennes,

tummle dich zum Haus hinaus!

Kennst du das Lied vielleicht?"

"Es kommt mir irgendwie bekannt vor", sagte Alice.

"So geht es weiter:

Wie'n Tablett am Himmelszelt

fliegst du durch die weite Welt.

Tanze, tanze, tummle dich!

Tummle, tanze, tummle dich!"

Die Kindergärtnärrin schüttelte sich und sang ohne aufzuwachen:
"Tummle, tanze, tummle, tanze, tummle, tanze..." Sie hörte erst
auf, als der Heinztönnes sie zwickte. "Ich hatte nun den ersten Vers
gerade beendet", fuhr der Heinztönnes fort, "da sprang die Königin
auf und brüllte: ,Er schlägt die Zeit tot! Köpft ihn!'"

"Was für eine rohe Person!" rief Alice.

"Und seitdem", schloß der Heinztönnes niedergeschlagen, "erfüllt
Frau Zeit mir keine Bitte mehr. Sie steht einfach still. Es bleibt
immer sechs Uhr."

Alice ging ein Licht auf. "Steht deshalb so viel Geschirr bei euch
auf dem Tisch?"

"Ja", seufzte der Heinztönnes, "weil fortwährend Teezeit ist, haben
wir keine Gelegenheit zum Geschirrspülen."

"Dann rutscht ihr wohl immer so rund um den Tisch herum?"
fragte Alice.

"Richtig!" bestätigte der Heinztönnes. "Wenn ein Gedeck
schmutzig ist, setzen wir uns vor das nächste."

"Und was fangt ihr an, wenn ihr zu den ersten Gedecken
zurückgerutscht seid?" forschte Alice weiter.

Der Märzfrank gähnte. "Ich finde, wir sollten uns über was
anderes unterhalten. Dies Gerede ist mir zu langweilig. Vielleicht
erzählt uns die junge Dame eine Geschichte."

"Mir fällt keine ein!" gestand Alice erschrocken.

"Dann soll uns die Kindergärtnärrin eine erzählen!" riefen Heinztönnes
und Märzfrank wie aus einem Munde. "Kindergärtnärrin! Wach auf!"
Sie zwickten die Kindergärtnärrin von beiden Seiten.

Widerstrebend schlug diese die Augen auf. "Ich habe nicht
geschlafen", piepste sie heiser. "Ich habe jedes Wort gehört."

"Erzähl' uns eine Geschichte!" befahl der Märzfrank.

"Ach ja, bittet" rief Alice.

"Aber fix!" sagte der Heinztönnes.

"Sonst schläfst du ein, bevor du fertig bist."

"Es waren einmal drei kleine Schwestern", sprudelte die
Kindergärtnärrin in größter Eile hervor, "die hießen Johanna, Kat und
Bine. Sie wohnten auf dem Grunde eines Brunnens."

"Und wie ernährten sie sich?" fragte Alice, die dieser Frage
größte Beachtung schenkte.

Die Kindergärtnärrin überlegte eine geraume Weile. "Von Froschpillen", sagte
sie dann.

"Das konnte aber auf die Dauer nicht gutgehen", widersprach
Alice freundlich, "denn davon wird man krank, weißt du."

"Das waren sie auch", sagte die Kindergärtnärrin. "Schwerkrank."

Alice versuchte, sich in eine so außergewöhnliche Lebensweise

hineinzuversetzen, aber das ging über ihre Kraft. Deshalb fragte
sie lieber: "Und warum wohnten sie auf dem Grunde eines
Brunnens?" - "Nimm dir mehr Kekse", sagte der Märzfrank sachlich
zu Alice. "Ich hab' noch gar keinen gehabt", widersprach Alice
beleidigt. "Deshalb kann ich mir nicht 'mehr' nehmen."

"Du meinst wohl, daß du dir nicht 'weniger' nehmen könntest",
berichtigte der Heinztönnes. "Es ist kinderleicht, 'mehr' als 'nichts'
zu nehmen."

"Dich hat überhaupt niemand nach deiner Meinung gefragt!"
wehrte sich Alice.

"Wer macht jetzt taktlose Bemerkungen!" rief der Märzfrank
triumphierend.

Darauf wußte Alice keine Antwort. Sie nahm sich Tee und ein
Butterbrot und fragte die Kindergärtnärrin noch einmal: "Warum
wohnten sie auf dem Grunde eines Brunnens?"

Wieder überlegte die Kindergärtnärrin.

"Weil es ein Froschpillenbrunnen war", verkündete sie dann.

"So was gibt's doch gar nicht!" Alice wurde allmählich ärgerlich,
aber der Heinztönnes und der Märzfrank machten "Pssst!", und die
Kindergärtnärrin schmollte: "Wenn du dich nicht höflich zu benehmen
weißt, kannst du dir die Geschichte selber zu Ende erzählen."

"Nein, fahr bitte fort!" rief Alice. "Ich will dich auch nicht mehr
unterbrechen. Vielleicht gibt es wirklich einen einzigen Brunnen
dieser Art."

"Eben! Und von dem spreche ich!" versetzte die Kindergärtnärrin
beleidigt, überwand sich aber und erzählte weiter: "Es begab sich
nun, daß die drei kleinen Schwestern pressen lernten."

Alice vergaß ihr Versprechen. "Preßten sie Blumen oder Gräser?" fragte sie.

"Froschpillen!" antwortete die Kindergärtnärrin, diesmal ohne jede
Überlegung.

"Ich brauch' 'ne saubere Tasse!" unterbrach der Heinztönnes.

"Los, rücken wir eins weiter."

Er setzte sich auf den Stuhl neben die Kindergärtnärrin, sie rutschte auf
seinen Platz, der Märzfrank auf den ihren, und Alice setzte sich
ziemlich widerstrebend auf den Stuhl des Märzfrankn. Der
Heinztönnes zog als einziger einen Vorteil aus dem Platzwechsel,
während Alice weitaus schlechter dran war als zuvor, denn der
Märzfrank hatte kurz vorher den Inhalt des Milchkännchens auf
seiner Untertasse verschüttet.

Alice wollte die Kindergärtnärrin nicht noch einmal kränken und fragte
sehr behutsam: "Ich versteh' nicht ganz - wo preßten sie den Froschpillen
'rein?"

"Sei doch nicht so begriffsstutzig!" rief der Heinztönnes empört.

"In den Brunnen natürlich!"

Alice drehte ihm den Rücken zu.

"Aber da wohnten sie doch drin!" sagte sie zur Kindergärtnärrin.

"Selbstverständlich!" bestätigte die Kindergärtnärrin. "Unten drin."
Diese Auskunft machte die arme Alice dermaßen sprachlos, daß
sie die Kindergärtnärrin eine Weile ungestört weitererzählen ließ. "Und
nachdem sie pressen gelernt hatten", fuhr die Kindergärtnärrin gähnend
fort und rieb sich schlaftrunken die Augen, "preßten sie alles, was
mit 'M' anfängt,"

"Warum mit 'M'?" fiel ihr Alice ins Wort. "Warum nicht mit 'M'?"
antwortete der Märzfrank. Alice biß sich auf die Lippen.

Der Kindergärtnärrin waren inzwischen die Augen zugefallen. Aber der
Heinztönnes zwickte sie, so daß sie mit einem kleinen Quiekser
erwachte und fortfuhr: "Alles mit 'M', zum Beispiel Mausefallen,
Monde, Märchen und Marcos. Hast du schon mal einen Marco
gepreßt?"

"Wenn du mich so direkt fragst", antwortete Alice verwirrt, "dann
kann ich mir das eigentlich gar nicht vorstellen."

"Dann solltest du auch den Schnabel halten", bemerkte der
Heinztönnes.

Soviel Frechheit ging Alice über die Hutschnur. Entrüstet sprang
sie auf und lief weg. Die Kindergärtnärrin schlief augenblicks wieder
ein, und die beiden anderen nahmen von Alices Aufbruch nicht
die geringste Notiz, obgleich sie sich ein paarmal umdrehte, weil
sie hoffte, zurückgerufen zu werden. Beim letztenmal sah sie, daß
Heinztönnes und Märzfrank versuchten, die Kindergärtnärrin in die
Teekanne zu stopfen.

"Da geh' ich bestimmt nicht wieder hin!" sagte Alice, während sie
den Weg zum Wald einschlug. "Das war die verrückteste
Teegesellschaft, die ich je erlebte."

Sie ging weiter, und bald erblickte sie einen Baum mit einer Tür,
die in ihn hineinführte. "Wie sonderbar!" rief sie. "Aber heute ist
ja alles sonderbar. Ich denke, da geh' ich 'rein!" Und das tat sie
dann auch sofort.

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